Habe ich Ihnen schon für die Benutzung meiner Benutzeroberfläche (user interface) in der Netzwelt gedankt?
Benutzeroberfläche ist eine geniale Wortschöpfung, deren zukunftsträchtige Bedeutung den dafür verantwortlichen Übersetzern wahrscheinlich nicht bewusst gewesen ist. Sie sollten lediglich einen deutschen Ausdruck für die user interface genannte Gestaltung des Mac- oder Windows-Bildschirms finden, der dem Computerbenutzer anstelle einer trüben leeren Fläche eine Palette kleiner bunter Bildchen und Symbole vorführt. Während das englische Wort interface den technischen Charakter der Sache hervorhebt, sie den verschiedenen, die Peripherie mit dem Zentrum des Rechners verbindenden Anschlüsse zuordnet, verweist das Wort Benutzeroberfläche auf eine die bloße technische Architektur des Computers transzendierende Dimension. [...] Die Architektur der Programme unter der Oberfläche bleibt dem Benutzer verborgen, was ihn jedoch nicht im geringsten stört. Es bleibt ihm verborgen, das es sich bei der Architektur dieser Betriebssysteme um eine verhältnismäßig träge Architektur handelt, die das veränderbare und auch ständig veränderte Aussehen der Benutzeroberfläche keineswegs adäquat abbildet. Die Benutzeroberfläche ist deshalb etwas ganz anderes als eine gewöhnliche Oberfläche. ‘Was du siehst, ist ja nur die Oberfläche!- Gewiss, aber was sonst könnte man denn sehen! Man muss nur bereit sein, sie überhaupt wahrzunehmen und als wesentlich, weil eben als Oberfläche des Wesens, anzuerkennen, dann sagt sie, wenn man sie mustert, vieles und weist, wenn man sie durchdenkt, fast auf alles hin. Auch die Oberfläche, die um ein fiktives Wesen herum erbaut wird, ist aufschlussreich’. Mit diesen Worten formuliert Franz Fuhmann in seinem ungarischen Tagebuch das herkömmliche Verständnis von Oberfläche: Oberflächen mögen Schein sein, mit Elementen versehen, die täuschen und verführen sollen, doch der Schein als Ganzes ist nicht beliebig veränderbar oder austauschbar, da seine Eigenschaften mit dem ‘Wesen’ oder wenigstens der Herstellung der Sache selbst zusammenhängen. Oscar Wildes berühmter Satz, das nur Flachköpfe sich nicht an die Oberfläche halten, lebt gerade als Provokation von der Einsicht, das die Oberfläche nicht nur Oberfläche ist. [...]
Der fast gänzlich verschwundene schmucklose Bildschirm der Dos-Betriebssysteme (dagegen) ist protestantisch, nachgerade calvinistisch. Er sieht eine freie Interpretation der Schriften vor, er fordert persönliche und quälende Entscheidungen, er nötigt zu feinsinniger Deutung und setzt voraus, das das Heil nicht für alle in Reichweite ist. Um das System in Gang zu setzen, sind persönliche Aktionen des Benutzers zur Auslegung des Programms nötig: Weit entfernt von der barocken Gemeinschaft der Frohsinnigen, ist der MS-Dos-Benutzer eingeschlossen in die Einsamkeit der eigenen, inneren Werte.
Konfessionell oder nicht, mir scheint die Benutzeroberfläche, weit jenseits des Computerbildschirms, eine Schlüsselmetapher unserer gegenwärtigen Zivilisation zu sein. Weil die Benutzeroberfläche die sichtbare Seite ist, die uns die Systemhardware zukehrt, neigen wir aufgrund verwurzelter Denkgewohnheiten stets dazu, ihr Aussehen und das, was auf ihr vorgeht, für ein Abbild der Eigenschaften des Systems selbst zu halten. Dann aber geraten bestimmte technisch- ökonomische Zusammenhange aus dem Blick. Nach dem Prinzip der Benutzeroberfläche arbeitet beispielsweise die internationale Automobilindustrie: Hinter der Vielzahl von unterschiedlich 31 gestalteten, mit verschiedenen Namen versehenen Modellen, stecken nur einige wenige, „Plattformen“ genannte Kernaggregate, die je nach Exportmarkt mit unterschiedlich gestylten Karosserien, Innenausstattungen und Armaturen versehen werden. Unter der bunten Pluralität der Formen, Farben und Namen steckt eine einzige Standardmaschine.
Und diese Automobilindustrie gilt als Wegweiser ganz anderer Wirtschaftszweige, der Banken- und Versicherungswirtschaft (man denke nur an Multimarken-Konzerne wie ERGO oder Aachen Münchener) ebenso wie der Konsumgüterindustrie (Nestlé, Unilever,..). Einem Denkmal gleich, stehen da Manufakturen, wie Uhrmacher und Bauern auf den Wochenmärkten. Viele Zeitgenossen, die unter zunehmendem Tempo stöhnen und bei Befürwortern der Entschleunigung tröstenden Zuspruch suchen, scheinen mir subjektiv zwar recht zu haben, gleichzeitig aber auch Opfer der Illusion der Benutzeroberfläche geworden zu sein. Auf der farbenfrohen graphischen Oberfläche, die uns nicht nur der Bildschirm, sondern die gesellschaftliche Realität überhaupt zukehrt, findet in der Tat pausenloser Umbau statt; neue Firmennamen, neue Symbole, neue Icons, ständig wechselnde Adressen, Telefon und Faxnummern ersetzen die alten und werden morgen wieder durch neue ersetzt. Was heute auf der für die Öffentlichkeit hergerichteten Benutzeroberfläche als Icon, Schlagwort und Zahlenspiel auftaucht, hat sich offenbar in einem längeren Prozess herausgebildet, der lange vor der Erfindung des Computers eingesetzt hat. Das gilt selbst für den weichen Bereich der Kultur, in dem die Frage, was die Dinge finanziell wert sind und ob man sie sich leisten kann, traditionell als banausenhaft gegolten hat. Die Kunst ist ein Überbau der Kursentwicklung. Es gibt nur noch Oberflächenvorgänge, hinter denen nichts mehr vorgeht. Das ist das Neue: die Substanz hat sich verbraucht. „Ohne Substanz gibt es keine Literatur mehr“, schrieb Heiner Müller fünfzig Jahre spater. Das mag schon sein, nur sprach Müller von einer Oberfläche, die noch nicht ganz zur Benutzeroberfläche mutiert war. Denn gerade hinter der geht sehr viel vor, was aber nicht zum Vorschein kommt oder von dem Vorschein, den die Benutzeroberfläche darbietet, überstrahlt wird. Was Güther Anders in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach Einführung des Fernsehens in den USA beobachtet hat, nämlich die Reduzierung verwickelter Realitäten auf einfache „Nippes-Szenen„, gilt auch für die zeitgenossische Benutzeroberfläche, deren Bildschirmversion dem Fernsehbildschirm nachgebildet wurde. Ich sage ›Nippes‹, weil das Miniaturformat des Bildschirms heute jene Funktion übernommen hat, die ehemals Nippesfiguren ausgefüllt haben. Denn wenn man heute ein harmloses Dasein in einer harmlosen Welt einreden will, serviert man ihm die verharmlosende Version nicht erst nachträglich, sondern gleichzeitig mit dem Geschehen, als ›synchrone Nippes‹ (wenn nicht sogar, besonders ›zuvorkommend‹ und aus Prophylaxegründen, schon vor dem Geschehen). Sitzen wir vor der winzigen Fläche, dann sind uns plötzlich Augen eingepflanzt, die, umgekehrten Operngläsern gleich, uns befähigen, jede Szene dieser Welt als harmlos und human zu sehen; oder richtiger – denn die meisten heutigen Geschenke sind ja getarnte Verhinderungen -, die uns unfähig machen, auf andere Weise zu sehen; uns also verhindern, zu erkennen, das die Welt, die Ereignisse, die Entschlusse, die Niedertrachten, zu deren Zeugen und Opfern wir gemacht werden, unübersehbar und unabsehbar sind. Die Verwandlung der Welt in eine alles verharmlosende Nippes-Welt, wie Anders das bald nach Einführung des Fernsehens in den USA scharfsinnig und vorausschauend als eigentümlichen Effekt des Fernsehens erkannte, ist danach von den Designern auch ganz anderer Bildschirme als Gestaltungsprinzip übernommen worden. Auf der ersten Benutzeroberfläche, die die mit dem Fernsehen gros gewordenen Erfinder des Apple-Writers eingeführt hatten, wimmelte es von visuellen Nippes. Nicht nur die Konkurrenzfirma Microsoft hat das Nippes- Prinzip in seinem Windows kopiert, auch die Städtebauer und Raumordner scheinen von der Idee besessen, das Prinzip des Mac- Bildschirms urbanistisch umzusetzen, diesmal im Maßstab 1: 1. Leere Flächen und offene Plätze fordern sie dazu heraus, Leere und Offenheit dadurch zu beseitigen, das sie alles mit Bildern, Symbolen und Figurchen bepflastern und vollstellen. So gleicht sich die Atmosphäre öffentlicher Plätze der Atmosphäre von Wohnzimmern mit ihren Zimmerpflanzen und Glasvitrinen voller Nippes an. Selbst Bäume von normaler Größe, wie sie aus den Betonflachen ehemals freier Platze wachsen, wirken in solcher Umgebung wie Bonsai-Baumchen. Sogenannte ‘Kuschel-Klassik’ liefert die Begleitmusik. Es fehlt nur noch das Sofa, auf dem man sich derweil ausstrecken kann. Im Hintergrund allerdings observiert ganz und gar nicht wohnzimmerüblich die mit Video und Funkgeraten ausgerüstete Polizei. Ähnliches geschieht auch im häuslichen Wohnzimmer, in dem der Familiencomputer aufgestellt ist. Ich weiß noch nicht genau wo seine schöne neue Welt bei uns angekommen ist, aber um mit Huxleys Worten zu sprechen: Rutschi-Putschi, und danach ein Soma!
In Anlehnung an: „Keine Zeit 18 Versuche über die Beschleunigung – Kap.2: Benutzeroberfläche Die Welt als Nippes“
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